Brief an den Minister vom 27.01.2016

Bedingungen der Hörverstehensprüfungen im saarländischen Abitur


Sehr geehrter Herr Minister,

im Rahmen unserer Recherche wegen des von Ihnen angekündigten Kommunikationstests in den modernen Fremdsprachen, hat sich die LEV Gym erneut mit den Bedingungen für saarländische E-Kurs-Abiturienten auseinandergesetzt. Im Lehrplan für Englisch ist nachzulesen: „Am Ende der Hauptphase erreichen die Schülerinnen und Schüler in E-Kursen die Niveaustufe B2(+) des GER mit Anteilen an der Niveaustufe C1 in den rezeptiven Kompetenzen Lesen und Hören.“ Hier beziehen sich die Autoren auf die Vorgaben der KMK: „Am Ende der gymnasialen Oberstufe wird von Schülerinnen und Schülern im Bereich der funktionalen kommunikativen Kompetenz das Niveau B2 des GeR (Englisch: in rezeptiven Teilkompetenzen auch das Niveau C1) erwartet.“

In den vergangenen Jahren fiel die saarländische Hörverstehensprüfung im Englischen mehrfach auf durch besonders schwierige Bedingungen: Störgeräusche (Bahnhof), nicht eingeübte Akzente (Inder) und abwegige Themen (Alzheimer) sorgten nicht nur bei den Schülern für Verwirrung und Verzweiflung, auch Lehrer berichteten hinter vorgehaltener Hand über ein nicht angemessenes Niveau.

Bei einer genauen Auseinandersetzung mit dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen, der jeweils als Basis zitiert wurde, fällt auf, dass die Aussagen zum Hörverstehen auf Niveau C1 die saarländischen Prüfungen nicht decken:

Understanding – Listening – C1: „I can understand extended speech even when it is not clearly structured and when relationships are only implied and not signalled explicitly. I can understand television programmes and films without too much effort.“

Verstehen – Hören – C1: „Ich kann längeren Redebeiträgen folgen, auch wenn diese nicht klar strukturiert sind und wenn Zusammenhänge nicht explizit ausgedrückt sind. Ich kann ohne allzu große Mühe Fernsehsendungen und Spielfilme verstehen.“

Understanding – Listening – C2: „I have no difficulty in understanding any kind of spoken language, whether live or broadcast, even when delivered at fast native speed, provided I have some time to get familiar with the accent.“

Verstehen – Hören – C2: „Ich habe keinerlei Schwierigkeit, gesprochene Sprache zu verstehen, gleichgültig ob "live" oder in den Medien, und zwar auch wenn schnell gesprochen wird. Ich brauche nur etwas Zeit, mich an einen besonderen Akzent zu gewöhnen.“

(„Common European Framework of Reference for Languages: Learning, Teaching, Assessment“, Table 2. Common Reference Levels: self-assessment grid, S. 26-27)

(„Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen“, Gemeinsame Referenzniveaus: Raster zur Selbstbeurteilung, S. 36)

Wie wir uns von einem Fachmann der Universität Siegen bestätigen ließen, sind kleinere Erschwernisse wie Störgeräusche, (gewohnte) Akzente oder herausfordernde Schwierigkeiten zwar im Einzelnen im Rahmen von C1 denkbar, ihre Kombination geht allerdings bereits über das C2-Niveau hinaus und entspricht nicht dem „Geist“ des Referenzrahmens. Hörbeispiele für C1-Prüfungen für das bekannte Cambridge-Zertifikat im Englischen sowie das Zertifikat des Goethe-Instituts im Deutsche waren durchweg störgeräuschfreie, hochsprachliche und deutlich akzentuierte Beiträge zu Alltagsthemen.

Die Landeselternvertretung für Gymnasien bittet um Klärung, mit welcher Begründung die saarländischen Abiturienten im E-Kurs Englisch diesen besonderen Anforderungen genügen sollen, die offensichtlich nicht nur bundesweit sondern weltweit einzigartig zu sein scheinen. Nach unserer Auffassung sollte eine angemessene und verlässliche Regelung gefunden werden, die schon für das laufende Schuljahr 12 einen Hörverstehenstest garantiert, bei dem die Schüler in erster Linie ihr inhaltliches Verständnis zeigen können, ohne bereits an den Umgebungsbedingungen zu scheitern.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Münkner und Nicola Rödder

 

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